70 Jahre Bravo: Als Boygroups nicht schwul sein durften

Eloy de Jong in silberner Jacke während eines Bühnenauftritts mit Mikrofon. Blaue und warme Scheinwerfer sowie Bühnennebel sorgen für eine atmosphärische Konzertszene.
Der mittlerweile offen schwule Eloy de Jong bei einem Auftritt mit Caught in the Act in Mannheim 2016 (Foto: Sven Mandel, Wikimedia).

Zum 70. Geburtstag der Bravo blickt eine ARD-Doku auf die Hochphase des Jugendmagazins zurück – und zeigt, wie Popstars, Sehnsüchte und gesellschaftliche Normen inszeniert wurden. Besonders eindrücklich wird das am Beispiel von Boygroups der 90er, deren Vermarktung nur funktionierte, solange Schwules unsichtbar blieb.

Generationen sind in Deutschland mit ihr erwachsen geworden: Die Jugendzeitschrift Bravo wird 70 Jahre alt. Anlässlich dieses bemerkenswerten Jubiläums gibt es in der ARD-Mediathek die dreiteilige Doku „Bravo: Headlines, Hypes & Herzschmerz“ zu sehen. Um es gleich vorwegzunehmen: Im Fokus der Doku stehen die 80er, 90er und Nuller Jahre, die als die bedeutendsten für das Magazin gelten. Wer also nicht in diesen Jahrzehnten Teen war, dürfte möglicherweise vom ARD-Film enttäuscht werden.

Doch das gilt nicht für mich, Bravo-Leser in den 90ern. So waren die interviewten Stars wie Oli P., Jasmin Wagner (aka „Blümchen“) oder auch Eloy de Jong (Mitglied der Boygroup „Caught in the Act“) auch eine Erinnerungsreise an das, was man mal hören oder wissen musste, wenn man popkulturell auf dem Schulhof mitreden wollte. Allerdings ist die Doku bei aller Leichtigkeit nicht unkritisch-glorifizierend und das macht sie sehenswert. In ihrer Hochzeit hat die „Bravo“ Trends gesetzt, sie sogar produziert. Und sie kuratierte Narrative um die Stars. Wer als MusikerIn in Deutschland Platten verkaufen wollte, musste in dieses Magazin.

Bravo macht Stars

Das wusste auch der niederländische Musikmanager Cees van Leeuwen, der 1992 die Boygroup „Caught in the Act“ mit einem Casting gründete. Um sich für die Bravo berichtenswert zu machen und damit auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen, brachte van Leeuwen seine Jungs in der auf RTL bis heute laufende Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ unter. Die Maßnahme hatte Erfolg und die Boygoup, bestehend aus Lee Baxter, Benjamin Boyce, Eloy de Jong und Bastiaan Ragas eroberte auch die deutschen Charts.

Boygroups eroberten vor allem die Herzen weiblicher Teenager und waren für deren erwachenden sexuellen Begehrlichkeiten die ideale Projektionsfläche. Das verkaufte Platten, Merchandise und Konzerttickets. Offen schwul durften die Objekte der Begierde daher nicht sein. Das heißt nicht, dass es keine schwulen Mitglieder in solchen Gruppen gab, aber es war nicht sagbar.

Heterosexueller Schein

In der Doku spricht das ehemalige „Caught in the Act“-Mitglied Eloy de Jong offen über die inneren Konflikte, die das mit sich brachte. Ihm war bereits zu Beginn seiner Musikkarriere klar, dass er Männer begehrt – und dass er das nicht öffentlich thematisieren kann. In einer Homestory in der Bravo – inklusive Foto im Schaumbad – musste er sich nach einer Frau sehnen, mit der er sein Leben teilt. Für die wahren Sehnsüchte gab es keinen Platz.

Welch groteskes Ausmaß die Aufrechterhaltung des heterosexuellen Scheins mitunter annahm, wurde deutlich, als de Jong eine Lovestory mit einem weiblichen Fan in der Bravo inszenieren musste. Management und Magazinredaktion wählten eine damals Sechzehnjährige aus, die auf einem „Caught in the Act“-Konzert ein großes rotes Pappherz hochhielt, auf dem „Eloy“ stand. Kameragerecht trafen sie sich in Amsterdam, der Heimatstadt des Stars. Alle gaben sich Mühe, aus dem schwulen Eloy de Jong den perfekten heterosexuellen Traummann zu machen. Rückblickend findet de Jong diese Aktion zu Recht fragwürdig. Letztendlich war es das Geschäft, Illusionen zu erschaffen und zu verkaufen – sowohl von den Managern solcher Musikgruppen, als auch von der Bravo.

Sexualaufklärung bei „Dr. Sommer“

Bemerkenswert ist, dass Homosexualität zwar nicht bei den Stars besprechbar war, dafür aber bei der legendären Sexualaufklärungsrubrik „Dr. Sommer“. Viele Teens lasen die Bravo gerade auch deswegen. Dort wurde thematisiert, was man in der Schule nicht erfuhr und die Eltern zu fragen, zu schambehaftet war. In den 90ern war der Ton dann zunehmend entdramatisierend und enttabuisierend, irgendwann gab es sogar gleichgeschlechtliche Paare, die sich nackt fotografieren ließen. Bevor ab den Nuller Jahren die Nacktheit schließlich ganz verschwand.

Eloy de Jong hat sich erst 1999, nach Auflösung von „Caught in the Act“, als schwul geoutet und war bis 2002 mit Stephen Gatley, ebenfalls ehemaliges Mitglied einer Boygroup, liiert. Heute ist de Jong immer noch im Musikbusiness tätig und inzwischen darf man auch offen schwul auf der Bühne sein – zum Glück! Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg und die Doku über die Bravo ist wie seit jeher immer auch ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse.

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