Jahresrückblick 2025: Antisemitismus und Gender-Debatte

Persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Entwicklungen

Meine persönlichen Einblicke in ein bewegtes Jahr 2025: Zwischen gesellschaftlichen Debatten zu LGBTI, Antisemitismus und Gender, gesundheitlicher Rehabilitation und Engagement.

Blick in den Seitenspiegel eines Autos
Foto von Cara Beth Buie auf Unsplash

Jahresrückblicke sind immer eine Sache für sich – was für mich bedeutend war, muss es für jemand anderen nicht sein. Und doch sind sie eine gute Möglichkeit, für sich selbst zu reflektieren. Nun also los:

Im Januar begann das Jahr für mich aufgrund der Folgen einer Schulterverletzung mit einer OP und einem bis heute andauernden Wiederherstellungsprozess mit Physiotherapie. Ein kurzer Moment in Form eines Sturzes kann sehr lange nachwirken. Über das gesamte Jahr hindurch stand Physiotherapie auf dem Programm. Als im Mai die Freibadsaison wieder startete, taste ich mich wieder ans Schwimmen heran. Mühsam ernährt sich das Rehabilitations-Eichhörnchen.

DGVT-Jahreskonferenz

Mein erster Härtetest nach der OP wurde im März die Mitwirkung an einem Panel bei der Jahreskonferenz der Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie. Florian Zepf hatte mich zusammen mit Veit Roessner eingeladen, ein Panel zur Kritik, bzw. den Problemen mit einem strikt gender-affirmativen Ansatz bei Kindern und Jugendlichen zu gestalten. Während die beiden Mediziner für den fachlichen Diskurs zuständig waren, steuerte ich einen kurzen Input zur gesellschaftspolitischen Brisanz bei.

Wie so oft, waren die Gespräche jenseits der eigentlichen Veranstaltung das Interessanteste. So viel sei verraten: Skepsis an der derzeitig so promoteten gender-affirmativen Praxis kam nicht von AfD-Wählern, sondern von Ärzten und Psychotherapeuten, denen diese in Teilen rechtsextreme Partei nicht ferner sein könnte. Zumal diese Skepsis insbesondere gegen einen Einsatz von Pubertätsblockern und gegengeschlechtlichen Hormonen durch inzwischen mehrere systematische Untersuchungsberichte der medizinischen Evidenz untermauert wird – deren Ergebnisse negativ für die Befürworter dieser Behandlungen ausfielen.

Antisemitismus bleibt Problem

In den folgenden Wochen ging es um die Ausweitung der Belastbarkeit und so konnte ich in meinem Hauptbroterwerb wieder voll einsteigen. So war ich wieder rechtzeitig an Bord, als der 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Bergen-Belsen anstand. Zu diesem Anlass kamen noch einmal 56 Überlebende mit Familienangehörigen in die Lüneburger Heide – aufgrund des hohen Alters der Überlebenden ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass es eine solche Zusammenkunft in fünf Jahren noch einmal geben wird. Für mich war es ein sehr eindrucksvolles und bewegendes Ereignis.

Umso mehr beschäftigte mich dieses Jahr weiterhin der gefühlt allgegenwärtige „Free Palestine“-Antisemitismus, vor dem in meinen Kernfeldern LGBTI und Kultur kein Entkommen war. Nach wie vor ist die Kufiya trendiges Accessoire in gesellschaftlichen und politischen Sphären, die sich als progressiv verstehen. Immer noch laufen Demos durch deutsche Innenstädte, aus denen es „Yallah, Yallah, Intifada!“ oder „From the river to the sea, Palestine will be free“ brüllt. Am 14. Dezember konnte man am Bondi Beach im australischen Sydney sehen, was „Intifada“ wörtlich genommen heißt: zwei islamistische Attentäter erschossen mehrere jüdische Teilnehmer einer Chanukka-Feier und verletzten weitere.

Das Gemeinmachen mit mörderischem Judenhass über „Free Palestine“ hat mich von vielen progressiven Anliegen abgestoßen. Seien es Klima, LGBTI, Antirassismus, überhaupt viele Organisationen aus dem linken Spektrum. Es wurde alles von Antisemitismus gekapert. Ich unterstütze Gruppen sowie Parteien mit den genannten Themen nicht mehr, bis das nicht endlich schonungslos aufgearbeitet wurde. Solange das nicht passiert, möchte auf keine Demo mit „Nie wieder ist jetzt“-Sprechchören gehen und mit vielen im progressiven Spektrum will ich auch kein Banner mehr gemeinsam halten. Um Missverständnissen vorzubeugen: selbstverständlich finde ich Klimaschutz, LGBTI und Antirassismus wichtig – aber bitte ohne Antisemitismus in Form von „Israelkritik“.

Positive Resonanz

Im Juli war ich dann wieder in Berlin, um gemeinsam mit Herausgebern und Autoren das fertige „Jahrbuch Sexualitäten 2025“ der Initiative Queer Nations zu feiern. Von mir ist darin ein Artikel zu Entstehung und Veränderung der Regenbogenflagge hin zur „Progress Pride“-Flagge. Erfreulicherweise wurde gerade dieser in einer Buchbesprechung in der FAZ aufgegriffen. Ebenso gefreut habe ich mich, dass Seyran Ateş meinen Beitrag gewürdigt hat. Nebenbei wurde ich auch noch in den Vorstand der Initiative Queer Nations gewählt und gehöre nun zu den Herausgebern des „Jahrbuch Sexualitäten 2026“. Seyrans Würdigung kann man hier nachhören:

Cancel Culture lebt

Im Oktober machte ich mal wieder Bekanntschaft mit dem Debattenverständnis einer transaktivistischen und queerfeministischen Szene – dieses Mal an der Uni in Lüneburg. Ich wurde zu einem Gastvortrag eingeladen, doch dieser wurde massiv gestört. Unter dem Titel „Transgender Wars – Why Became Biological Facts a Controversy?“ wollte ich die wesentlichen Konfliktpunkte erörtern, die es gerade rund um das Thema „Trans“ gibt. Details meiner Erfahrungen mit diesem Vortrag sind bei der GWUP und im hpd nachzulesen.

Pappschild, auf dem Tisch liegend. Darauf steht: "Transfrauen sind nicht gefährlich - Männer wie Till schon."
Eines von mehreren Schildern, die während meines Vortrags im Seminarraum hochgehalten wurden (Foto: Privat).

Nicht nur in Bezug auf den Vortrag in Lüneburg, sondern generell formuliere ich seit einigen Jahren eine Kritik am zeitgenössischen queerfeministischen Transaktivismus, der sich in folgendem Zitat aus dem US-amerikanischen Blog Queer Majority auf den Punkt bringen lässt:  

Der vielleicht größte Fehler war ihre Weigerung, Kompromisse einzugehen. Insbesondere in den umstrittensten Politikbereichen wie Transfrauen in Frauenräumen oder geschlechtsangleichende Medizin für Jugendliche. In beiden Bereichen haben Aktivisten wissenschaftliche und ethische Komplexitäten überrollt, Risiken leichtfertig abgetan oder aktiv verschwiegen und sich damit in Konflikt mit einer großen Mehrheit der Gesellschaft gebracht.

Erschwerend kam hinzu, dass sie diese und alle anderen Themen mit einer unangreifbaren moralischen Überlegenheit und Gewissheit anzugehen pflegten, die keine Diskussion zuließ. Jeder, der Skepsis äußerte, wurde entweder mit alarmierenden, aber irreführenden Statistiken bombardiert, mit Schuldgefühlen überhäuft, angeschrien oder systematisch verleumdet, belogen und mit der extremen Rechten in einen Topf geworfen.

Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass dies dem Anliegen von gesellschaftlicher Integration von Transpersonen schweren Schaden zugefügt hat – auch in Deutschland. Jede Kritikerin, jeden Kritiker mit dem „Nazi“-Etikett zu bekleben, funktioniert nicht auf Dauer, weil sich eben negative Entwicklungen rund um die kontroversesten Anliegen nicht für immer unter dem Teppich halten lassen. Damit denke ich insbesondere an gender-affirmative Behandlungen von Minderjährigen sowie das  vergrützte Selbstbestimmungsgesetz.

Zu beiden Bereichen werde ich auch im kommenden Jahr am Ball bleiben. Auch, wenn ich weiß, dass mein Standpunkt vielen im queeren Spektrum nicht gefällig ist. Anderswo verschließt man die Augen nicht länger und will die Probleme zur Diskussion bringen. Daher freute ich mich, dass ich im November mit Andreas Edmüller bei den Skeptics in the Pub in München über die Probleme mit dem Selbstbestimmungsgesetz sprechen konnte.

Was 2026 ansteht

Schon jetzt kann ich verraten, dass ich im kommenden Jahr in Eigenregie einen neuen Sammelband herausgeben werde, der Positionen zu Trans, aber auch anderen Themen rund um Geschlecht bündelt, die im deutschen Diskurs bisher zu wenig vorkommen. Mein eigener Beitrag wird sich mit Trans auf Social Media beschäftigen und besonders das Thema „Mastektomie“ in den Blick nehmen. Bei der Gelegenheit ein „Save the Date“: Meinen ersten Vortrag dazu, werde ich am 6. Februar 2026 in Berlin halten. Details zu Ort, Zeit und Inhalt werde ich noch bekannt geben.

Nun aber gehe ich erstmal in die Feiertagspause und wünsche Ihnen allen ebenfalls eine erholsame Zeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr.