Transdebatte: Fundamentalisten sind immer die anderen

Transdebatte: Schild in den Farben der Transgender-Flagge mit dem Text „TRANS RIGHTS are HUMAN RIGHTS“ (Trans-Rechte sind Menschenrechte), gehalten bei einer öffentlichen Kundgebung.
In der Transdebatte ist eher nicht umstritten, dass auch Transpersonen Menschenrechte haben. Der Streit entzündet sich vielmehr an der Auslegung, was genau das alles umfasst (Foto von Gabriel Dalton auf Unsplash ).

Zwei Veranstaltungen zur hochpolarisierten Transdebatte: Während in Hamburg Protest und Gegenprotest den Austausch über Geschlechtsidentität und die medizinische Behandlung Minderjähriger übertönten, gelang in Wien eine kontroverse, aber offene Diskussion. Wie sich verhärtete Fronten überwinden lassen – ohne Risiken auszublenden oder die Würde Betroffener aus dem Blick zu verlieren.

Zuletzt fanden zwei Veranstaltungen statt, an denen sich exemplarisch der Zustand der Transdebatte ablesen lässt: Am 20. September, zum Weltkindertag, veranstaltete der Verein „Frauenheldinnen e.V.“ in Hamburg die Protestaktion „Transmedizin macht krank − ein Leben lang“ und richtete sich damit insbesondere gegen eine schnelle Medikalisierung von Minderjährigen mit Geschlechtsdysphorie. Dagegen formierte sich eine Gegendemonstration aus Transaktivisten und ihren Verbündeten.

TERFs in die Elbe?

Während bereits das Motto der „Frauenheldinnen“ provokant und zugespitzt war, so waren es die Reaktionen aus der Gegendemo nicht minder: „Alle wollen dasselbe: TERFs in die Elbe!“ Bei den „Frauenheldinnen“ haben Rednerinnen und Redner, darunter auch der Schweizer Chris Brönimann, der rund 30 Jahre als Transfrau lebte und nun kürzlich seine Detransition bekanntgab. Brönimann schreibt und spricht aus eigenem Erleben über die gravierenden gesundheitlichen Schäden, die er durch geschlechtsangleichende Eingriffe erlitten hat und dass diese Schritte für ihn eher eine Flucht, als ein Ankommen bei sich selbst waren.

Neben der persönlichen Perspektive waren auch noch andere Beiträge vorgesehen, die aus medizinischer und pharmazeutischer Sicht darlegen sollten, was an einer Medikalisierung von Minderjährigen, die unter ihren biologischen Geschlechtsmerkmalen leiden, problematisch ist. Eine solche Medikalisierung beginnt mit der Gabe von sogenannten Pubertätsblockern, um die biologisch angelegte Pubertät zu stoppen, sie wird dann mit Geschlechtshormonen sowie chirurgischen Eingriffen fortgesetzt.

Geschlechterfundamentalismus und Evidenz

Das Vortragen der Standpunkte war jedoch nicht störungsfrei möglich, da die Gegendemonstranten nicht auf der ihnen zugeteilten Versammlungsfläche blieben, sondern an die Kundgebung der „Frauenheldinnen“ heranrückten und mit Trillerpfeifen sowie anderem Lärm übertönten. Stattdessen verurteilte eine Abgeordnete der Hamburger Grünen auf dem Gegenprotest, die Aktion der „Frauenheldinnen“, wie diese in einer Beschwerde berichteten: „Hört auf mit eurer Hetze! Ihr schützt niemanden. Eure Forderungen gefährden Menschenleben, sie töten.“

Für die Hamburger Transaktivistin Cornelia Kost, die ebenfalls auf der Gegendemo sprach, ist Kritik wie die der „Frauenheldinnen“ „Geschlechterfundamentalismus“. Kost rückt allesamt in die Nähe von Evangelikalen sowie „rechte Anti-Pluralismus-Strategien“ und behauptet, es würde evidenzbasierte Gesundheitsversorgung verhindert. Wer allerdings über die vergangenen Jahre internationale Diskussionen, auch unter Medizinern verfolgt hat, kommt freilich zu dem Schluss, dass es eher die Apodiktik der Transaktivistinnen wie Kost ist, die evidenzbasierte Gesundheitsversorgung verhindert.

Transdebatte auch in Österreich

Anders hingegen verlief am 1. Oktober eine Diskussionsveranstaltung in Wien, zu der die genderkritische Denkfabrik „Athena Forum“, der ÖVP-Parlamentsklub und „Campus Tivoli“ eingeladen hatten. Unter dem Titel „Politik im Spannungsfeld zwischen Geschlecht, Geschlechtsidentität und Menschenrechten“ ging es auch dort um Kritik an einer Medikalisierung von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie.  

In Österreich geschah diese Veranstaltung vor dem Hintergrund dreier geplanter gesetzlicher Änderungen, vor denen die Politologin und Mitdiskutantin Faika El-Nagashi warnte:

  • einem Selbstbestimmungsgesetz, das den Personenstandswechsel per Sprechakt ermöglicht (wie z.B. in Deutschland),
  • Verboten von „Konversionstherapien” auf der Basis von Geschlechtsidentität, die auch Eltern, Großeltern oder Lehrkräfte kriminalisieren könnten,
  • verschärften Gesetzen gegen Hass, die etwa Misgendering oder das Eintreten für Frauenräume strafbar machen könnten.

Im Gegensatz zur Hamburger Veranstaltung ging es bei den Wienern offenbar zivilisierter zu. Der Austausch von Argumenten war auf dem Podium, wie auch zwischen Publikum und Podium möglich. Der Erfahrungsbericht einer Mutter zeigte in der Diskussion, wie schwierig es einerseits ist, sich mit Skepsis in einem professionellen Apparat zu behaupten, der Medikalisierung an erster Stelle setzt und andererseits, wie eben doch eine frühe Transdiagnose bei einem jungen Menschen nicht verlässlich und stabil sein muss.

Medizin zwischen Diskriminierung und Skepsis

Jedoch waren auch hier Befürworter, auch aus der Medizin zugegen, die auf Kritik an einer Medikalisierung von Minderjährigen vor allem mit pauschalen „Transphobie“-Vorwürfen reagierten. Dabei wurden in den vergangenen Jahren gezielt medizinisch begründete Zweifel an der Gabe von Pubertätsblockern und Geschlechtshormonen bei Minderjährigen im Diskurs unterdrückt, obwohl es aus mehreren Ländern ernstzunehmende Hinweise gab, dass aufgrund unzureichender Evidenz schwerwiegende Risiken für die Gesundheit nicht ausgeschlossen werden können sowie auch die diagnostische Sicherheit aufgrund entwicklungspsychologischer Umstände nicht in erforderlichem Maß gegeben ist.  

Von diesem Umstand war auch die Auseinandersetzung um die deutsche S2k-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter – Diagnostik und Behandlung“ geprägt, die im Grundsatz einer schnellen Medikalisierung von Minderjährigen mit Geschlechtsdysphorie Vorschub leistet. Wie ein nun herausgegebener Sammelband aus den Kreisen der Befürworter von Pubertätsblockade und Co. zeigt, will man sich auch weiterhin nicht den Risiken von irreversiblen Maßnahmen in einer entwicklungspsychologisch hoch dynamischen Lebensphase wie der Pubertät realistisch stellen. Stattdessen macht sich eine zu vorsichtige Haltung der Altersdiskriminierung verdächtig. Näheres zu den Inhalten findet sich meiner Rezension im IQN-Blog:

Auch die Kritikerseite trägt jedoch zum Verschluss von Diskursräumen bei, wenn sie Transitionen ausschließlich als Schaden verhandeln will, wie Autor Sebastian Schnelle im hpd an der Veranstaltung der „Frauenheldinnen“ bemängelte.

Geschlecht zwischen Identität und Körper

Doch wie konnte es passieren, dass sich rund um „Trans“ solche gesellschaftspolitischen Kontroversen entwickelt haben? Hierfür empfiehlt sich die Lektüre des Buches „Geschlechtsidentität. Die Karriere einer Kategorie“ von Rogers Brubaker, einem US-amerikanischen Soziologen. Darin zeigt er, wie sich Geschlechtsidentität in den vergangenen Jahrzehnten aus einem engen Rahmen in der Medizin in immer weitere Bereiche etablieren konnte und einen Geschlechterbegriff verdrängt, der sich vorrangig auf den Körper stützt. Da diese Entwicklungen ohne eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung geschehen sind, passieren diese nun nachgelagert. Mehr dazu:

Leider sind diese nachgelagerten Diskussionen von einer Verhärtung gekennzeichnet, durch die im Ergebnis schließlich alle verlieren: Frauen, Transpersonen, Lesben und Schwule, Kinder und Jugendliche, gendernonkonforme Personen – und nicht zuletzt die gesamte Gesellschaft.

Diskurs respektvoll ermöglichen

Wie es anders gehen könnte, demonstrierte das Grußwort der österreichischen Familienministerin Claudia Bauer (ÖVP), das von ihrer Parteikollegin und Moderatorin der Diskussionsveranstaltung, Gudrun Kugler, transkribiert in deren Blog dokumentiert wurde:

Sehr geehrte Damen und Herren, dieser Abend versucht etwas, das mittlerweile selten geworden ist: nämlich über ein Thema zu sprechen, bei dem schon einfache Fragen als Tabu gelten. Worum geht’s?

Fragen von Geschlecht und Geschlechtsidentität sind heute ganz offensichtlich keine Randfragen mehr. Sie berühren den Schutz von Kindern und Jugendlichen, sie berühren Frauenrechte, und sie berühren die Freiheit, offen zu sprechen und Wahrheiten zu benennen. Für mich gelten dabei drei Dinge.

Erstens: Die Würde jedes Menschen steht nicht zur Debatte. Nicht bei uns. Menschen, die mit ihrem Geschlecht und ihrer Identität ringen, gibt es. Es hat sie immer gegeben. Aber wer mit seiner Identität hadert, braucht jemanden, der zuhört und Halt gibt. Und er braucht jemanden, der Fragen beantwortet und Fragen stellt. Was er oder sie nicht braucht, ist jemand, der diese Unsicherheit zusätzlich befeuert und in eine Richtung treibt.

Zweitens: Kinder und Jugendliche brauchen einen besonderen Schutz, gerade in Phasen, in denen sie unsicher sind. Die Pubertät ist so eine Phase der Unsicherheit. Das war sie bei jedem von uns. Was Kinder und Jugendliche da brauchen, ist Zeit und Begleitung – durch Freunde, durch Lehrerinnen und Lehrer, durch Eltern. Und ja, das kann manchmal auch professionelle Begleitung sein. Das funktioniert aber nur, wenn Eltern auch eingebunden und nicht übergangen werden. Und falls dann Entscheidungen getroffen werden, müssen sie auf Basis von wissenschaftlicher Evidenz getroffen werden, nicht auf Basis von Stimmungen und sicher nicht auf Basis von Identitätspolitik.

Und drittens: Wir brauchen eine Debattenkultur, die das aushält. Wer Fragen stellt, ist nicht automatisch ein Gegner. Wer Rechte einfordert, ist nicht automatisch ein Ideologe. Das gilt gerade dort, wo Rechte aufeinandertreffen, zum Beispiel auch das Recht von Frauen auf Schutzräume – im Sport, in der Schule. Diese Schutzräume haben sich Frauen erarbeitet und erkämpft. Darüber muss man reden dürfen, die muss man verteidigen dürfen.

Manche halten schon die Fragen, die heute Abend gestellt werden, für Angriffe. Das ist vollkommen falsch. Respekt ist nicht Zustimmung. Respekt ist nicht blinde Bestätigung. Und genauso wenig ist Widerspruch Verachtung. Wer den Widerspruch nicht aushält, vertraut seinen eigenen Argumenten nicht.

Und lassen Sie mich einen letzten Punkt auch noch anfügen: Mehr als die Hälfte der jungen Menschen traut sich nicht mehr, Themen offen anzusprechen, die sie beschäftigen. Was sagt das über unsere Gesellschaft, über unsere Demokratie, über die Meinungsfreiheit aus? Und ganz in diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute eine offene, eine sachliche und vor allem eine spannende Diskussion.”

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