Konkret-Sonderheft zu Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023

Mein Beitrag im Konkret-Sonderheft

Warum trifft Israelhass auch in queeren Kontexten auf so viel Zustimmung? Ein Konkret-Sonderheft widmet sich der Frage, wie sich antisemitische Narrative seit dem 7. Oktober 2023 gerade in progressiven Milieus ausbreiten.

Seit dem furchtbaren Hamas-Terror am 7. Oktober 2023 gegen Israelis ist der Judenhass weltweit ungeniert auf die Straßen, Bühnen, Medien und andere Plattformen getragen worden. Unter dem Vorwand und zugleich Falschbehauptung, Israel begehe einen Genozid an den Palästinensern im Gazastreifen, werden alle jüdischen Menschen dämonisiert – vollkommen egal, wie Individuen die Regierung Benjamin Netanjahus sehen.

Linkes Leugnen von Gräueltaten

Die Soziologin Eva Illouz beklagt zu Recht:

Bis zum 7. Oktober 2023 glaubte ich, Verbrechen gegen die Menschlichkeit seien die letzten Ereignisse, die abweichende Überzeugungen und Meinungen in einer moralischen Gemeinschaft des Mitgefühls noch zusammenbringen könnten. Und mir schien, dass die politische Sensibilität, die sich am ehesten über Gräueltaten empören würde, meine sei, die linke. Ich habe mich geirrt. Ein beträchtlicher Teil der globalen Linken – unter wechselnden Namen wie identitäre, wache bzw. aufgeweckte, dekoloniale oder progressive Linke – hat die Existenz dieser Gräueltaten geleugnet oder sie als Akt des ‚dekolonialen Widerstand‘ gefeiert.“

Auch in queeren Kontexten haben diese Entwicklungen leider weltweit um sich gegriffen. Zuletzt wurde das im Vorfeld der Pride Parade in Rom sichtbar, die am 20. Juni stattfinden soll. Die Jüdische Allgemeine berichtete:

Dort haben die Organisatoren angekündigt, dass die jüdischen LGBTQ-Gruppen Keshet Italia und Keshet Europe nicht mit einem Festwagen an der Parade teilnehmen dürfen, da diese sich nicht von dem distanziert haben, was die Rome Pride Parade als ‚Völkermord in Gaza‘ bezeichnet.“

Konkret-Sonderheft mit Beitrag von mir

Leider wird der Raum für diejenigen immer kleiner, die sich dem antisemitischen Trend nicht beugen wollen. Aus dem Kreis der linken Publizistik in Deutschland ist die Zeitschrift „Konkret“ zu nennen, die wacker dagegenhält. Nun ist ein Sonderheft mit dem Titel „Kriegszustand. Israel und die antisemitische Internationale“ erschienen, was Beiträge aus den letzten drei Jahren sammelt sowie exklusiv für diese Ausgabe erstellte hinzufügt. Von mir ist der Text „Queers for Gaza“ dabei, der 2024 abgedruckt wurde.

Darin skizziere ich, wie sich die queerfeministische Szene positioniert und wieso Israelhass dort so aufgegriffen wurde:

Die Verbindungen von Queer-Feminismus und Antisemitismus ergeben sich vor allem aus dem Anspruch, Diskriminierungen und Marginalisierungen intersektional verstehen zu wollen, das heißt, aus dem Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen zum Beispiel aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe und sexueller Orientierung. Die theoretischen Grundlagen zum Rassismus liefern dabei postkoloniale Theorien, in denen sich allerdings die Lesart verfestigt hat, Israel sei ein kolonialrassistisches Siedlerprojekt. Was hingegen völlig fehlt, ist eine kritische Aufarbeitung des gescheiterten panarabischen Nationalismus. Unter diesen Vorzeichen fällt die Verbrämung des abscheulichsten Terrorismus als legitimer Widerstand nicht schwer.

Der Blog „Ruhrbarone“ würdigte das Sonderheft:

Tatsächlich schafft es das konkret-Sonderheft, all diese Themen so schlaglichtartig zu beleuchten, dass man auch ohne Vorwissen die Zusammenhänge erkennt und das größere Bild antisemitischer Ideologien und ihrer Erscheinungsformen nachvollziehen kann. Es bleibt daher zu hoffen, dass es besonders jene erreicht, die die Debatten seit dem 7. Oktober mitverfolgen, sich aber in der Flut von Beiträgen in sozialen Medien, teils einseitigen Darstellungen in der Berichterstattung und weitverbreiteten Missverständnissen schwertun, die Ereignisse und ihre Hintergründe einzuordnen. Was die Relevanz des Hefts zudem unterstreicht, ist die Tatsache, dass es in einer derzeit sehr lauten antisemitischen Linken zeigt, dass es weiterhin antisemitismuskritische und israelsolidarische Stimmen gibt, die allzu oft überhört werden.“

Cover Konkret-Sonderheft "Israel und die antisemitische Internationale"
Konkret-Sonderheft „Kriegszustand. Israel und die antisemitische Internationale“.