Eine Vorlesung im Bereich Entwicklungspsychologie über „Transidentität“ der Professorin Ute Johanna Bayen an der Universität Düsseldorf löste studentische Proteste aus. Doch der Fall zeigt auch: Wissenschaftsfreiheit muss gegen Aktivismus verteidigt werden – und Kritik an einer Theorie darf nicht mit Feindschaft gegenüber Menschen gleichgesetzt werden.
Es bleibt eine Herausforderung, öffentlich differenziert und faktenorientiert über biologisches Geschlecht sowie „Trans“ zu sprechen – auch an Hochschulen. Doch der letzte, medial viral gegangene Fall um eine Vorlesung der Düsseldorfer Psychologieprofessorin Ute Johanna Bayen am 21. Juli kündet eine vorsichtige Trendwende an Im Gegensatz zu früheren Fällen, stellte sich die Unileitung hinter die Professorin. Außerdem fiel auch die Berichterstattung in Medien nicht positiv für die Aktivistenseite aus – sogar in Medien, die sonst recht unkritisch damit umgegangen sind. Besonders wichtig aber war, dass sich Bayen selbst nicht einschüchtern ließ.
Aufregung um Vorlesung
Die Aufregung um die Vorlesung der Psychologieprofessorin Ute Johanna Bayen an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bescherte mir ein Déjà-vu: Ich erlebte im vergangenen Jahr an der Leuphana Universität in Lüneburg Ähnliches, allerdings ohne große Berichterstattung.
Auch in Düsseldorf verlangten studentische Gruppen die Absage der Veranstaltung. Es wurden gar ein Campusbetretungsverbot sowie die Entlassung der Professorin gefordert. Der Grund ist der letzte Termin ihrer Vorlesung zur Einführung in die Entwicklungspsychologie, den sie dem Thema „Trans“ widmete. In einer E-Mail an einen privaten Verteiler soll sie die Vorlesung so angekündigt haben:
Trans-Ideologie ist wissenschaftlich nicht haltbar, verbreitet falsche Vorstellungen über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und gefährdet diese Entwicklung. Das werde ich in dieser Vorlesung erklären.“
Vorlesung unter Buh-Rufen
An diesem Wording nahmen studentische Gruppen Anstoß, warfen Bayen Transfeindlichkeit vor und riefen zum Protest gegen die Veranstaltung auf. Jedoch stellte sich die Präsidentin der Düsseldorfer Uni auf die Seite der Wissenschaftsfreiheit. Am Ende konnte die Vorlesung stattfinden, trotz lautstarker Proteste – sowohl vor, als auch im Hörsaal, wie in einem ausführlichen Bericht im Cicero zu lesen war:
Bayens entwicklungspsychologische Vorlesung – Titel ‚Transidente Entwicklung‘ – hatte zu keinem Zeitpunkt einen offen appellativen, geschweige denn politisch-aktivistischen Charakter. Es war eine Lehrveranstaltung zur Vermittlung von Grundwissen für Psychologie-Studenten im 4. Semester, in der die künftigen Therapeuten auf einige problematische und ungeklärte Fragen psychischen Leids durch uneindeutige Geschlechtsidentität in jungen Lebensjahren aufmerksam machte.
Während der gesamten Vorlesung kam es fast ununterbrochen zu lauten Buh-Rufen und anderen Störungen. Als Auslöser hysterischer Empörung genügten dabei zum Beispiel Sätze wie: ‚Es gibt zwei biologische Geschlechter‘ – Buhbuh! ‚Es gibt eine niedrige Evidenzqualität dafür, dass Pubertätsblocker die psychische Gesundheit verbessern‘ – Doch! Bullshit! Buh! ‚Diese Operationen an den Geschlechtsteilen sind Eingriffe in gesunde Körper‘ – Buhbuh!“
Auch nach der Veranstaltung wollen sich studentische Aktivisten sowie einige ihrer Verbündete aus dem Mittelbau und mit Professur nicht damit abfinden, dass die Vorlesung gehalten werden konnte und die Inhalte auch noch prüfungsrelevant sind. So wurde ein Offener Brief lanciert, der einen angeblich unzureichend wiedergegebenen Forschungstand, Diffamierungen und Verletzungen durch Bayen beklagt:
Als Angehörige der HHU erklären wir uns solidarisch mit allen Studierenden, Beschäftigten und weiteren Personen, die sich durch die Veranstaltung oder ihre öffentliche Nachbereitung verletzt, verunsichert oder bedroht fühlen. Wir erklären uns insbesondere solidarisch mit trans, nichtbinären und queeren Angehörigen unserer Universität.“
Das Unipräsidium äußerte sich Anfang August nach der Aufregung:
Die Freiheit von Forschung und Lehre ist ein Grundrecht, das zu den tragenden Säulen unserer demokratischen Ordnung zählt. Aus dieser Verantwortung heraus wird das Rektorat der Heinrich-Heine-Universität wissenschaftliche Positionen nicht zensieren. Ob einzelne Inhalte den Maßstäben guter wissenschaftlicher Praxis und dem aktuellen Forschungsstand genügen, ist eine Frage, die in erster Linie im wissenschaftlichen Diskurs zu klären ist, nicht jedoch durch eine Entscheidung ‚von oben‘. Für diesen Diskurs wird die Universität den Raum geben, unter anderem im Rahmen von Veranstaltungen im nächsten Wintersemester.“
Kritik am gender-affirmativen Modell legitim
Es sei der Heinrich-Heine-Universität an dieser Stelle sehr ans Herz gelegt, dabei auch an Florian Daniel Zepf, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Universitätsklinikum Jena, zu denken. Er gehörte bis 2022 selbst der Komission zur Erarbeitung der S2k-Leitinie „Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter – Diagnostik und Behandlung“ an, diese Leitlinie trat im Frühjahr 2025 in Kraft. Da diese Leitlinie sehr auf einen affirmativen Umgang mit Geschlechtsdysphorie, inklusive Einsatz von Pubertätsblockern setzt, zog sich Zepf aufgrund ethischer Bedenken zurück.
In einem gemeinsam mit seinem Fachkollegen Werner Königschulte verfasstem Beitrag für das „Handbuch Entwicklungs-und Erziehungspsychologie“ schreibt Zepf u.a.:
Die im Jahr 2025 veröffentlichte deutschsprachige S2k-Leitlinie zur Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter (DGKJP,2025) markiert einen deutlichen Richtungswechsel im Vergleich zu früheren Empfehlungen. Die Leitlinie verfolgt in zentralen Teilen einen Ansatz, der das subjektive Erleben des Kindes bzw. des Jugendlichen besonders stark gewichtet und medizinische Maßnahmen in dieser Altersgruppe grundsätzlich erleichtern möchte. Eine sorgfältige Analyse zeigt jedoch, dass die wissenschaftliche Grundlage hierfür nur eingeschränkt belastbar ist.
Zu den zentralen Neuerungen der Leitlinie gehört der Versuch, zwischen einer vermeintlich ‚stabilen‘ Geschlechtsinkongruenz und einer ‚vorübergehenden Unzufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht‘ zu unterscheiden. Dieser Ansatz klingt zunächst plausibel, scheitert jedoch an der praktischen Umsetzung: Die Leitlinie benennt keine überprüfbaren Kriterien, anhand derer diese beiden Gruppen im Vorfeld zuverlässig voneinander abgegrenzt werden könnten. Auch bleibt unklar, mit welcher Validität eine solche Unterscheidung überhaupt möglich wäre. Ohne belastbare diagnostische Marker bleibt diese Differenzierung lediglich ein theoretisches Konstrukt ohne unmittelbare praktische Relevanz.
Hinzu kommt, dass die Leitlinie wesentliche Forschungsergebnisse, die auf eine hohe Instabilität geschlechtsbezogener Selbstdeutungen im Kindes- und Jugendalter hinweisen, nur unzureichend berücksichtigt. Studien weisen darauf hin, dass sich bei einem Teil der Jugendlichen geschlechtsbezogene Empfindungen im Verlauf der Pubertät verändern oder zurückbilden können (Ristori&Steensma,2016; Bachmann et al., 2024). Die Leitlinie bezieht diese Erkenntnisse nicht in der gebotenen Konsequenz ein, sondern stützt sich an mehreren Stellen auf Annahmen, die empirisch nicht abgesichert sind.“
Profitgier in den USA?
Es ist gut vorstellbar, dass die transaktivistischen studentischen Gruppen in Düsseldorf wohl auch diese Zeilen mit Buh-Rufen bedenken würden. Doch die Realität richtet sich nun einmal nicht nach dem, was Aktivisten genehm ist. Eher im Gegenteil – Realitätsverweigerung kann zur Waffe in den Händen politischer Gegner werden: Ein Blick in die USA sollte dafür lehrreich sein, denn dort zeigt sich, wie instabil das Fundament des gender-affirmativen Modells ist. Nicht nur, dass sich jetzt mehrere Kliniken mit Vorwürfen von Abrechnungsbetrug und Gefährdung Minderjähriger aus Profitgier konfrontiert sehen. Auch die World Professional Association for Transgender Health (WPATH) muss zugeben, dass die von ihr herausgegebenen Standards of Care, die ebenfalls gender-affirmativ Pubertätsblocker empfehlen, nicht den finalen Stand der wissenschaftlich-medizinischen Debatte darstellen.
Ute Johanna Bayen äußert sich
Nach all der Aufregung hat sich nun erstmals Professorin Bayen selbst geäußert – bemerkenswert freundlich, zugewandt und dennoch klar positioniert:
Beim Thema Entwicklung von Transgender-Identität geht es um Minderjährige mit Geschlechtsdysphorie. Die Vorlesung findet regelmäßig im Rahmen der Vorlesung Entwicklungspsychologie statt und gibt Studierenden im Bachelor-Studiengang Psychologie einen Überblick über den Stand der psychologischen Forschung zum Thema. Sie berücksichtigt dabei unter anderem empirische Daten und ihre verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten, wissenschaftliche Kontroversen sowie Forschungslücken. Es ist mein Anspruch als Hochschullehrerin und psychologische Wissenschaftlerin, wissenschaftliche Erkenntnisse auf Grundlage der vorhandenen Evidenz zu vermitteln und zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlich relevanten Thema beizutragen.“
Bayen betone außerdem, dass sie keine Personen und Gruppen diskriminieren wolle, sowie Menschen jeder Identität in ihrem Leben willkommen seien. Es sei auch nicht ihre Absicht gewesen Menschen zu verletzen. Sie sieht das Problem in folgender Dynamik:
Wenn jedoch Kritik an wissenschaftlichen Positionen, etwa an der Gendertheorie, mit einer Herabwürdigung von Menschen gleichgesetzt wird, dann wird aus der Kritik an einer Theorie scheinbar eine Feindschaft gegenüber Menschen.“
Aktivisten eskalieren
Dabei ist dies längst der bewährte Modus Operandi, der auch bei vielen Protesten bei diesem Thema weltweit dazu führt, dass Aktivisten in Sprache und Forderungen eskalieren. Wer nicht sagt, was diese Aktivisten hören wollen, muss am Sprechen gehindert werden. Auch mitunter entwürdigende und gewalttätige Sprüche sind an der Tagesordnung.
Umso deutlicher ist der Kontrast von Bayens Worten:
Wir dürfen nicht die Kritik an Überzeugungen mit einer Abwertung oder gar Feindschaft gegenüber denjenigen Menschen gleichsetzen, die diese Überzeugung vertreten. Wer eine Überzeugung, eine Theorie oder eine Weltanschauung kritisiert, mag doch diejenigen Menschen, die diese vertreten oder sich damit identifizieren, sehr respektieren, schätzen, gar lieben. Die unveräußerliche Würde eines jeden Menschen hängt doch nicht davon ab, welche Ansichten er vertritt, wie er die Welt, die Mitmenschen und sich selbst sieht, was er fühlt, sagt oder tut.“
Ich bin mir sicher, gesellschaftspolitisch wäre der Sache von uns Transpersonen besser gedient, wenn Aktivististen sich ein Beispiel an dieser grundständigen Achtung gegenüber anderen Menschen nehmen würden. Verbal bis ins Ekligste zu eskalieren und zu glauben, es sei jedes Mittel recht, wenn man mit Kritik konfrontiert wird, bringt selten Gutes hervor.
Daher sei Ute Johanna Bayen hier das letzte Wort gegeben:
Vielleicht beginnt gesellschaftlicher Frieden genau dort wo wir den Mut haben, zu sagen, was wir für richtig halten, und zugleich dem anderen zugestehen, dass er es anders sehen darf. Kritik ist keine Feindschaft. Wenn wir das verstehen, egal welcher Überzeugungen wir selbst sind, so ist das, so denke ich, ein Schlüssel zu größerer Toleranz und Frieden in unserer Gesellschaft.“
